Abschied nach 35 Jahren: Offener Brief

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An alle neuen und insbesondere an die alten Mitglieder der Spielergruppe ‚Anonyme
Spieler Neumünster‘

Die Spielergruppe ‚Anonyme Spieler Neumünster‘ gibt es seit 1985 und ist bestimmt eine
der ältesten Selbsthilfegruppen zum Thema Spielsucht in ganz Deutschland. Im April
1987 war ich erstmals Teilnehmer an einem Meeting der Gruppe und habe seitdem kein
Meeting verpasst, außer durch Krankheit, Verreisen oder WICHTIGE TERMINE.

Bei mir waren wichtige Hinderungsgründe eigentlich nur der eigene Geburtstag oder der
der Partnerin, beruflich unabwendbare Termine oder familiäre Gründe. Als ich noch in
Neumünster wohnte, hatte ich Termine darüberhinaus versucht anders zu legen oder bin –
z.B. bei Geburtstagen einfach etwas später dort hin und war vorher noch bis zur Pause in
der Gruppe. Ich habe nicht einmal gefehlt, weil ich keine Lust hatte, ein wichtiges
Fußballspiel im Fernsehen lief oder der Nachbar mit mir grillen wollte. Und das nicht, weil
ich mich besonders wichtig genommen hätte, sondern weil es für mich fester Bestandteil
meines Lebens geworden war und jeder Teilnehmer für jedes Meetings wichtig ist, nicht
nur für mich selbst sondern für alle. Nie habe ich vergessen, um wieviel wertvoller mein
Leben ohne das Schreckgespenst Spielsucht geworden ist. Wieviel mehr Zeit ich nun
hatte für sinnvolle Dinge, wie erlösend es war, dass die Spielsucht und die damit
einhergehenden Geldprobleme nicht mehr mein Gehirn und meine Seele belasteten und
wie sehr ich an Selbstvertrauen gewann und mich wesentlich wertiger fühlen konnte. All
das hat die Gruppe bewirkt und in der Hauptsache die Mitglieder der Gruppe die
regelmäßig freitags die Meetings besucht haben.

Im Laufe der nun schon über 35 Jahre habe ich so viele ganz fantastische Menschen
kennengelernt – seltsamerweise fast nur Männer – und es haben sich auch immer wieder
Freundschaften entwickelt. Ich weiß nicht, wie vielen Spielern die Gruppe (-narbeit) dabei
geholfen hat, mit dem Spielen aufzuhören, um ein freies Leben führen zu können, aber es
kommen bestimmt eine ganze Menge zusammen. Es wird immer gern vergessen, dass
nicht nur dem Spieler selbst damit geholfen ist, sondern natürlich auch den Angehörigen.
Mit Stolz stelle ich mir vor meinem inneren Auge all die Menschen vor, denen so geholfen
wurde.

Ich habe die Gruppe immer als Ganzes betrachtet: Es gab für mich immer ein Gestern,
ein Heute und ein Morgen. Nicht die aktuellen Mitglieder waren die ‚Gruppe‘, sondern
auch die ‚nicht mehr Kommenden‘ und die ‚bald schon Kommenden‘. Natürlich erleben
neue Mitglieder der Gruppe anfangs immer nur das ‚Heute‘, aber im Laufe der Zeit
erwerben auch sie Erfahrungen der Anderen aus dem ‚Gestern‘ und geben bald schon
eigene Erfahrungen weiter und formen so das sich stetig wandelnde ‚Morgen‘.

Nur leider habe ich die Befürchtung, dass es ein ‚Morgen‘ bald schon nicht mehr geben
wird, weil ohne ‚Heute‘ ein ‚Morgen‘ nicht möglich sein wird. Vor einigen Wochen habe ich
nach 35 Jahren die Gruppe schweren Herzens verlassen, weil ich die Mentalität der
aktuellen Mitglieder nicht mehr ertragen konnte. Immer mehr verstärkte sich in mir der
Eindruck, dass die Gruppe nur noch als notwendiges Übel betrachtet wurde, als Alibi für
die Angehörigen oder als Mittel zur Freizeitgestaltung, weil man gerade nichts besseres
vorhatte. Das war mir viel zu wenig und wird dem Sinn und Zweck dieser Gruppe auch
bei Weitem nicht gerecht. Seit viel zu vielen Wochen sahen sich die Mitglieder nicht in der
Lage, zur Gruppe zu kommen. Sei es, weil das Wetter so schön war, sei es, weil man
lieber Essen gehen wollte oder zum Geburtstag oder sei es, weil dies und das und dieses
und jenes immer wichtiger war, als die zwei Stunden am Freitag zu den Anonymen
Spielern zu kommen. Besorgniserregend war für mich auch das Verhalten der neuen
Mitglieder der Gruppe. Früher haben sich die Neuen wenigstens bemüht, an bis zu zehn
Meetings regelmäßig teilzunehmen, um feststellen zu können, ob ihnen die Gruppe hilft
oder nicht. Heute kommen sie einmal und bringen schon gleich eine Entschuldigung mit,
warum sie in der nächsten Woche NICHT kommen können. Oder sie kommen zweimal
und dann nie wieder. Entweder ist Qualität der Gruppe schlechter geworden oder die der
Neuen.

Sicherlich hatte so manches Fernbleiben auch nachvollziehbare Gründe, natürlich wurde
auch die Gruppe nicht von Covid 19 verschont, aber irgendwann fehlte mir die Kraft und
die Motivation, nur an diese Art von Gründen zu glauben. Natürlich könnte man jetzt
berechtigterweise einwenden, die Teilnahme geschehe auf freiwilliger Basis; richtig, aber
gerade DASS ist mein Problem. Es ist mir schlicht weg viel zu viel Freiwilligkeit – sprich
Beliebigkeit – in den Köpfen vorhanden, so dass darauf keine Gruppenarbeit basieren
kann. Ich bin nur noch enttäuscht von dieser – nicht mehr meiner – Gruppe. Nicht, weil es
kaum jemanden gegeben hat, der mich zum Umdenken bewegen wollte (Danke Jan),
nicht, weil kaum jemand meinen Einsatz und mein Engagement für die Gruppe in
irgendeiner Form gewürdigt hätte, Nein … am meisten bin ich davon enttäuscht, dass sich niemand bereiterklärt, diese
Gruppe weiter am Laufen zu halten; der Verantwortung übernimmt und der Gruppe so
etwas zurückgibt, was ihm die Gruppe einst gegeben hat. Mir tut es unendlich leid für alle
Spieler, die künftig die Hilfe einer Selbsthilfegruppe suchen und – zumindest in
Neumünster – nicht mehr finden werden. Denn eines ist sicher … das Problem Spielsucht
ist so aktuell wie nie und der Bedarf an einer Spielergruppe ungebrochen.

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